Spiral Tribe 23 – Freie Parties, freie Menschen!

16 11 2008

Freie Parties, freie Musik, freie Menschen – dass ist unsere Maxime, dass ist die Grundidee des Spiral Tribe. Jede einzelne Person im Spiral Tribe trägt dazu mit ihrer eigenen Kreativität bei. Die Musikindustrie hat schon viel zu lange die MusikerInnen und die HörerInnen ausgesaugt. Wir können dagegen unsere eigenen Parties, Raves und Konzerte so gestalten wie wir es wollen, nicht des Profits wegen, sondern um gemeinsam etwas zu entwickeln.

1991 nahmen wir unser Soundsystem, um auf das Stonehenge-Festival zu fahren. Seitdem reisen wir mit unseren Wagen umher, von einem Ort zum anderem, von einer Party zur anderen. Überall haben wir Menschen getroffen, die sich uns anschloßen, mit uns weiterzogen und zu einem Teil des Tribes wurden. Die Abläufe und Ereignisse in die wir seitdem einbezogen wurden, waren nur in einigen Fällen geplant, das meiste passierte einfach.

Wir haben getan, was wir taten, weil es uns Spaß macht, weil es Fun ist. Aber unsere Aktivitäten sind nicht isoliert, sie sind Teil einer Bewegung. Wir wollen dazu beitragen, die Zerstörung der Umwelt zu beenden. Wir wollen ein einfacheres Leben, das nicht auf der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen beruht. Wir glauben an direkte, friedliche Aktionen. Auch wenn unsere Aktivitäten manchmal sehr laut und geräuschvoll sind, so waren wir doch niemals auf Konfrontation aus. In einem gewissen Sinne sind wir Revolutionäre, aber das ist ein Begriff der inzwischen mit zuvielen Bedeutungen belegt ist, die uns fern sind. Ausgehend von einer Verbindung von Psychedelika, Marxismus und Stammeskultur nennen wir uns viel lieber weltreisende AbenteurerInnen.

Der Spiral Tribe hat als Teil des Techno-Undergrounds eine lange Tradition, die Aspekte der Hippie- und der Punk-Bewegung einschließt. Wir fühlen uns mit diesen Bewegungen verbunden und blicken auf die Erfahrungen, die sie gemacht haben. Wir schauen jedoch nicht zurück, um Antworten auf unsere Fragen zu finden, denn wir suchen unsere eigenen Antworten. Wenn sie mit Antworten übereinstimmen, die andere schon gegeben haben, dann ist es in Ordnung. Wir haben sie dann nicht übernommen, sondern selbst gefunden. Es ist unser Weg.

DER RHYTHMUS

Wir sind stark von der Lebenshaltung von Stammesvölkern, darunter besonders von afrikanischen Stämmen beeinflußt. Auch unser Name stammt von einem afrikanischen Stamm. Wir verstehen Techno als eine der größten musikalischen Revolutionen seitdem Menschen einen Stock in die Hand genommen haben, um damit zu trommeln. Techno ist ein verbindender kreativer Kanal zwischen den fließenden Energien vergangener Kulturen und dem Underground der Gegenwart.

Die Musik vieler Stämme geht wie Techno im wesentlichen vom Rhythmus und von bestimmten Tonfrequenzen aus, nicht wie so oft in der westlichen Kultur von Harmonien und Melodien. Das was im Techno-Bereich heute als Trance bezeichnet wird, hat allerdings immer weniger mit der eigentlichen Bedeutung von Trance zu tun. Die Melodien verhindern, dass du dich auf die Kraft des Rhythmus konzentrierst und über einen Trancezustand tiefer in dein Unterbewußtsein eindringst.

Wir haben inzwischen Zugriff auf Technologien, die uns ermöglichen unsere Musik auch ohne die Musikindustrie zu veröffentlichen. Wir hassen diese spöttische Aussage ”Jeder kann doch jetzt eine Techno-Platte machen” – Gerade das ist es, was wir anstreben: alle sollen die Möglichkeit haben, wenn sie wollen. Diejenigen, die das verurteilen, wollen doch selbst nur eine Elite bleiben oder am alten Star-Gehabe festhalten. Wir dagegen wollen es überwinden. Deshalb veröffentlichen wir Platten mit weißen Labels, deshalb treten wir anonym in der Öffentlichkeit als Spiral Tribe und nicht als Einzelpersonen auf. Wir orientieren uns nicht länger an diesem kranken System der Popularität und des Egos.

Einer der wichtigsten Anstöße, der ursprünglich von der Rave-Szene ausging, war gerade die Aufhebung der Unterteilung in MusikerInnen, Discjockeys und TänzerInnen. Wenn es dir um Geld geht und du dein Ego befriedigen willst, dann verkaufe dich. Aber wenn es dir wirklich um die Musik geht, dann brauchst du niemanden, dann vertraue auf deine eigene Kraft.

FREE RAVES

Ein Free Rave ist eine Verweigerung gegenüber den gesellschaftlichen Normen und gegenüber der kapitalistischen Vorgabe, dass alles am Profit ausgerichtet sein muß, dass du für alles, was du bekommst, etwas zahlen mußt. Im Grunde können sich alle an den Parties beteiligen. Wir versuchen einen Punkt zu erreichen an dem die Leute auf den Parties die Musik für die Parties machen und die Parties selbst organisieren. Nicht nur kommen um zu feiern, sondern sich als einen Teil der Parties verstehen, selbst Verantwortung übernehmen, Sachen in Bewegung setzen. Jede und jeder auf seine Weise.

Unsere Events wachsen durch Leute, die ihre eigene Realität kreieren. Du lebst auf den Parties in einer speziellen Spiral-Zeit, in einer Spiral-Realität, du lebst im Moment. Die Spirale ist wie DNA oder wie ein Virus. Sie ist endlos. Alle die kommen werden ein Teil davon, sie kreieren, bestimmen die Atmosphäre. Das ist der Vibe unserer Parties. Wir können tausende von Leuten zusammenbringen, ohne Flyer, ohne Werbung. Nur über Mundpropaganda, nur durch den Vibe der die Parties umgibt und die Idee die dahinter steht. Das ist der Grund warum uns die Herrschenden so fürchten.

Die praktische Organisation besteht auf der Verbindung von verbindlich übernommenen Aufgaben, sei es nun das Installieren des Soundsystems oder das Reparieren eines Lichtstrahlers, und dem freien Einbringen von Fähigkeiten, Ideen und Energien.

Die meisten Parties, die wir veranstalten sind eintrittsfrei, wir stellen am Ausgang eine Büchse auf, in die jede Person geben kann, was sie will. Auf diesem Wege haben wir alles erhalten, was wir zum Leben und für unsere Parties brauchen. Aber manchmal arbeiten wir auch mit anderen Konzepten, ohne uns von unseren Grundideen zu trennen. Du mußt in vielen Bereichen präsent sein, um die Menschen zu erreichen: Im Underground genauso wie im Overground.

CASTLEMORTON UND DIE FOLGEN

Am 23. Mai ’92 initiierten wir in Castlemorton einen Rave auf einem großen Feld. Es war eine Fortführung der Parties, die wir zuvor organisiert hatten. In keinster Weise konnten wir ahnen, daß dieser Rave zum größten illegalen Festival in der Geschichte Englands wird und schon jetzt eine Legende ist.

50.000 Menschen feierten mehrere Tage lang eine gigantische Party. Sie demonstrierten dem System die Kraft kreativer Freiheit und den Willen das eigene Leben selbst zu bestimmen. Es war nicht nur eine Rebellion desillusionierter Mittelklasse-Kids, es war ein Ausbruch, der alle Klassen einschloß. Die Leute überwanden die Barrieren und Differenzen untereinander, wichtig war nicht mehr was trennt, sondern das was verbindet.

Drei Wochen später organisierten wir ein weiteres Festival. Diesmal in Erinnerung an die Auseinandersetzungen um das Stonehenge Festival, wo sich Festival-BesucherInnen mit der Polizei, die versuchte das Fest zu verhindern, eine riesige Schlacht lieferten. Wir dachten uns, daß es eine gute Idee sei, ein Free Festival inmitten der Finanzmetropole London zu veranstalten. Direkt bei dem Canary-Wharf-Hochhaus, das zu einem Symbol für die Mißwirtschaft der Thatcher-Ära geworden ist, fanden wir einen geeigneten Platz, der zudem durch das flackernde Licht auf der Spitze des Hochhauses stroboskopartig beleuchtet wurde.

Die Polizei sperrte in Zusammenarbeit mit privaten Wachdiensten das Gelände und stoppte schon im Vorfeld Autos und Nachtbusse. Nach kurzer Zeit stürmten sie das Gelände auf dem sich trotz allem rund tausend RaverInnen eingefunden hatten. Es gelang uns zu flüchten, ohne daß unsere Anlage beschlagnahmt wurde. In den nächsten Wochen schlug das System zurück, denn die Herrschenden zittern vor dem, was wir repräsentieren. Sie haben die Benefiz-Einnahmen beschlagnahmt, das Equipment gestohlen und uns mit Prozessen überhäuft. Sie versuchten uns als Spiral Tribe handlungsunfähig zu machen, indem sie sich einzelne Personen heraussuchten und unter Druck setzten, denn sie verstehen nicht, daß wir keinen AnführerInnen haben und auch keine brauchen. Es scheint so, als würde derzeit alles, was ohne Genehmigung organisiert wird und auf einem Stammesbeat basiert, so große Angst bei denen auslösen, die an der Macht sind, daß sie alles abdrehen wollen. Ihre images wurzeln gleichzeitig in äußerster Dummheit und im stillen Anwachsen faschistischer Einstellungen. Gerade diese Verbindung macht sie so gefährlich.

Wir mußten einsehen, dass wir unter dem Namen Spiral Tribe in England nur mit großen Schwierigkeiten weiter arbeiten konnten und es deshalb an der Zeit war, dass andere an unsere Stelle traten. Wir verließen England und ziehen seitdem auf dem europäischen Festland von einem Ort zum anderen, um dort unseren Weg fortzusetzen.

DIE PARTY GEHT WEITER

Welcher Versuch derzeit in England auch unternommen wird, eine Party zu veranstalten – in einem besetzten Haus, auf einem Feld, in einer Lagerhalle – überall wo die Leute selbst organisieren, deutlich machen, daß sie keine Polizei brauchen, keine staatlichen Bestimmungen und Autoritäten, dort wird eingegriffen um die Party zu stoppen.

Militärische Polizeieinsätze, weiträumige Absperrungen, Hubschrauber-Überwachung, Verhaftungen im Vorfeld – Es wird alles versucht um Festivals wie Stonehenge oder ein neues Castlemorton zu verhindern. Gesetze wie der Criminal Justice Act machen die Durchführung von Free Raves von staatlichen Genehmigungen und Auflagen abhängig und damit praktisch unmöglich. Das Gesetz zielt im gleichen Zusammenhang auf die Zerschlagung der HausbesetzerInnen-Szene und der umherreisenden Travellers. Es ist ein Angriff auf jeden gegenkulturelle Ansatz. Aber das Land gehört nicht ihnen. Es gehört uns allen, es gehört der Gemeinschaft. Sie haben kein Recht den Leuten zu verbieten in leerstehenden Häusern zu wohnen, in Wohnwagen durch das Land zu ziehen, dort zu feiern, wo sie wollen. Und es wird ihnen trotz aller Gesetze auch nicht gelingen, die Party wird weiter gehen…

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